Nepomucenum
Städtisches Ganztagsgymnasium
tel.: 02541-966010 fax: -19
Holtwicker Straße 8
48653 Coesfeld
PSF 1452

Abstraktion: Persönlich bedingte Wirklichkeitssicht

Persönlich bedingte Wirklichkeitssicht in den Abstraktionsformen von Rodin, Brancusi, Moore.

Die jeweilige persönliche Ausformung von Abstraktion ( persönliche Sichtweisen )  soll der Abiturient in der vergleichenden Behandlung von Auguste Rodin, Constantin Brancusi,  Henry Moore erläutern können.

Auguste Rodin (1840-1917)

– Expressive Oberfläche und Darstellung von Emotionalität, emotionale Form –

Mit Rodin beginnt die moderne Skulptur. Zitate: „Was man allgemein als Hässlichkeit bezeichnet, kann in der Kunst zu großer Schönheit werden.“ und „Wir müssen das Leben lieben, schon der Arbeit wegen, die man darin entfalten kann.“

12. November 1840 geboren in Paris

1853 Schüler der >École Spéciale de Dessin et de Mathématiques<.

1854- 1862 Schüler der >École des Arts décoratifsÉcole des Beaux Arts<.

1862 Schwester stirbt und Rodin gerät in eine Lebenskrise, tritt dem Orden Pères du Saint-Sacrement bei.

1870 wird Rodin Schüler von Albert-Ernest Carrier-Belleuse und folgt diesem nach Brüssel. Nach künstlerischen Streit verlässt er Belleuse.

ab 1870 erste öffentliche Aufträge und erste künstlerische Anerkennung.

1875/76 Studienreise nach Italien um Michelangelos Werke zu sehen.

1877 Rückkehr nach Paris, um gotische Kathedralen zu studieren.

1879/82 unter Vertrag der Porzellanmanufaktur in Sèvres.

1883 lernt Rodin Camille Claudel kennen. Sie wird seine Schülerin und spätere Geliebte.

1889 beauftragt mit der Gestaltung einer Statur Victor Hugos. Er stellt Hugo nackt dar, umringt von den Musen. Der Entwurf wird abgelehnt und die Statue bleibt unvollendet.

1894 ließ sich Rodin in Meudon nieder und scharte dort einen Kreis junger Schriftsteller und Künstler um sich.

1900 werden bei der Weltausstellung in Paris im Pavillon Rodin 171 seiner Werke präsentiert.

1905/06 ist Rainer Maria Rilke Sekretär von Rodin.

1907 installierte Rodin im Hôtel Biron sein Atelier ( heute das „Musée Rodin“ )

Februar 1917 heiratete Rodin im Rose Beuret.

17. November 1917 gestorben in Paris)

Wichtige Werke:

1863 Büste des Peter Eymard

1864 Der Mann mit der gebrochenen Nase

1875/76 Das Eherne Zeitalter

1877 Der Besiegte

1878 Johannes der Täufer

1879 Ruf zu den Waffen

1882 Büste des Bildhauers Jules Dalou

1893 Balzak, Aktstudie

1884 Denkmal der Bürger von Calais

1911 Schreitender Mann

1880 Adam oder der große Schatten

1880 Der Denker

1881 Eva

1881 Die drei Schatten

1884 Fugit amor

1884 Ewiger Frühling

1880-1917 Das Höllentor

1885 Geiz und Wollust

1885 Die Danaide

1885 Toilette de Venus

1886 *1886 Faun und Nymphe

1887 Die Zentaurin

1889 Das ewige Idol

1894 Christus und Magdalena

1895 Der Fall eines Engels

1898 Der Kuss

1898 Denkmal für Balzac

1905 Paolo und Francesca

1907 Büste der Helene von Nostitz

1909 Denkmal für Victor Hugo

1909 Torso einer jungen Frau

1910 Tanzstudien

„Das Hässliche ist schön“, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse von Rodin – eine völlig moderne Ansicht. Auguste Rodin, scheiterte dreimal an den Annahmebedingungen der Ecole des Beaux-Arts, im Nachhinein ein Beleg dafür, dass die Akademien ausgedient hatten. 1875 reiste Rodin als  Steinmetz und Gießer nach Italien und entdeckte Michelangelo, dessen Werk ihn – nach eigenen Aussagen – völlig vom Akademismus befreite.

Rodins Gestalten stehen für die Widersprüche des späten 19. Jh., für das Nebeneinander der Gegensätze. Sein Realismus entspringt der Beobachtung der Natur, die für ihn immer schön ist: »… auch das Hässliche ist schön. Er ließ seine Modelle nackt durch das Atelier spazieren, skizzierte eine Haltung, die ihm gefiel, blitzschnell in Ton. In seinem von Dantes Göttlicher Komödie angeregten Höllentor taumeln zahllose Körper dem »Eingang zum ewigen Leid entgegen«. Rodin hatte 1880 den Auftrag für ein Portal des Musee des Arts Decoratifs erhalten, aber nie vollendet. Die zentrale Figur des Denkers im Türsturz stand zunächst für den Dichter, der über sein Werk grübelt, bald für den Zweifelnden schlechthin.

Während der 80erJahre beschäftigte sich Rodin mit den verschiedenen Lebensaltern. Die Figur einer alten Frau, die später La vieille Heaulmiere , Die alte Helmschmie din; nach einem Gedicht von Francois Villon) genannt wurde, illustriert nicht allein den ausgemergelten Körper der Greisin, der als »hässlich« alt, sondern versinnbildlicht den Verfall, den Übergang von der Jugend über die Reife zum Alter in einer Figur.

Die Bildhauerin Camille Claudel, die seit Beginn der 80erJahre eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen Rodins war, schuf 1893 mit ihrer Clotho ein Werk, das einerseits in der realistischen Darstellung dem Meister folgte, aber dennoch eine eigene Perspektive einnahm. Clotho heißt eine der Parzen, der Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie, die damals als Allegorie der Vergänglichkeit und des Todes verstanden wurden. Statt der Spindel als Attribut hält Claudel ihre Figur in Haarkaskaden gefangen. Hier zeigt Claudel die Frau als beherrschtes Ding, »ihr Objekt-Sein als einengende, erstickende Qual«.

Neben der impressionistisch zu nennenden, Schule machenden Oberflächenbehandlung Rodins, seinen der Literatur entliehenen Themen, schlug der Künstler auch den Boaen zur Vergangenheit. Sein Schreitender (209) führte den Torso als autonome Kunstform ein. Auf die Frage seiner Zeitgenossen, warum der Kopf fehle, antwortete Rodin: »Braucht man zum Gehen einen Kopf?« Tatsächlich scheint des Meisters Begegnung mit Michelangelos unvollendeten Werken Nachwirkungen gezeitigt oder zu einer gezielten Anspielung auf den Torso vom Belvedere angeregt zu haben. Das Fragment einer griechischen Skulptur diente vielen Künstlern durch die Jahrhunderte als Vorbild für die Darstellung eines athletischen Männeroberkörpers.

Rodins Werk  nimmt für den Übergang vom 19. zum 20. Jh. die zentrale Stellung  ein. Einerseits wurzelt sein Werk in Traditionen und Konventionen, andererseits führt es darüber hinaus. Eine seiner wichtigsten Neuerungen lag in der Fragmentierung des Körpers. Damit lieferte der Meister seinen Beitrag zu der Verselbständigung der Figur als Plastik. Von einer Neudefinition der Plastik als ästhetisches Objekt kann aber noch nicht die Rede sein. Der Torso bei Rodin hat eine grundsätzlich andere Bedeutung als bei Michelangelo. Während Michelangelos unvollendete Sklaven tragische Zeugnisse seines Ringens um die Sichtbarmachung von Ideen seien, müsse die Fragmentierung bei Rodin, der die Plastik aus Teilen zusammensetzte, als ein bewusster Gestaltungsakt verstanden werden.

Betrachtet man das Werk Rodins oder die modellierten Figuren des impressionistischen Malers Edgar Degas, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, die herkömmliche Skulptur habe sich seit der Renaissance auf ein halbes Dutzend klassische Posen beschränkt. Die kauernde Frau Rodins dagegen mag aus einer zufälligen Beobachtung heraus entstanden sein. Er steigerte den Körperausdruck durch extreme Kopf und Handhaltung zu einem Sinnbild in sich gekehrter Verzweifelung.

Link : Rodinmuseum Paris

Constantin Brancusi  ( 1876-1957 )

– Sich verschließende Oberfläche und Vergeistigung der Form, Symbolform –

19. Februar 1876 * geboren in Hobita, Rumänien

ab 1904 in Paris ansässig

ab 1908 inspiriert von afrikanischer Plastik

1909/10 erste Version des Werkes  >Schlafende Muse<

1937/38 >Endlose Säule< ( h=293 m ), als Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs im Park von Tirgu Jiu, Rumänien.

16. März 1957 gestorben in Paris

Die Einrichtung seines Ateliers ist heute im Centre Pompidou in Paris zu sehen.

Constantin Brancusi war französischer Bildhauer rumänischer Abstammung. Er stammte aus der tiefsten rumänischen Provinz und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Der 28 jährige hatte bereits eine Ausbildung als Kunsttischler an der Kunstgewerbeschule sowie vier Jahre Kunstakademie Bukarest hinter sich, als er 1904 nach Paris kam, um in der Nähe des berühmten Rodin zu sein. Des Meisters Angebot jedoch, in seinem Atelier zu arbeiten, lehnte er ab, da er ihn nicht kopieren wollte, freundete sich aber mit Amedeo Modigliani, Andre Derain und Marcel Duchamp an.

Brancusi fand im Dialog mit dem Material zu neuen Formen und Themen. Die erste Version von >Der Kuss< , seine zweite in Stein gehauene Skulptur überhaupt, nahm thematisch Bezug auf Rodin und entlehnte die formale Reduktion der Volkskunst und  afrikanische Plastik. Die Danaide , die offenbar wieder Bezug auf ein Werk Rodins nimmt, demonstriert eine wichtige Erfindung Brancusis. Er kombinierte den polierten, zu einem Oval reduzierten und teilweise vergoldeten Bronzekopf mit einem roh behauenen Sockel aus Holz. Damit beginnt die „Material-Ästhetik“. Seine abstrahierten Skulpturen gehören zu den wegweisenden Bildwerken der modernen Kunst. Brancusi strebte, von der afrikanischen und prähistorischen Bildhauerkunst inspiriert, nach extremer Vereinfachung der Form. Charakteristisches Grundelement ist hierbei das >Ovoid< , das Ei.

Nach 1908 arbeitete er seinen individueller Stil heraus, der von der afrikanischen und prähistorischen Bildhauerkunst inspiriert war. Brancusi strebt in seinen Arbeiten eine extreme Vereinfachung der Formen an. Grundelement seiner Bestrebungen ist die Urform des Ei.

Für Brancusi war das Atelier der ideale Raum für seine Plastiken. Seine unmittelbar von afrikanischer Plastik inspirierten Holzstelen führen die unterschiedslose Behandlung von Sockel und Figur vor . Brancusi  gab das Modellieren in Ton auf. Er reduzierte seine Marmorskulpturen auf den festen Kern, die ovale Form. Seine Schlafende Muse, deren erste Version 1909/10 entstand, demonstriert die kompromisslose Reduktion des Kopfs auf die Eiform. Diese Abstraktion hebt die Naturähnlichkeit auf, ohne ihren Bezug zu verleugnen.

Wie Mondrian seine geometrischen Farbkompositionen im Prozess der Abstraktion der Struktur eines Apfelbaums abrang, ging Brancusi zunächst vom Gegenstand aus. Die Eiform symbolisierte für ihn Fruchtbarkeit, den Ursprung des Lebens. Der Anfang der Welt heißt denn auch eine Bronze-Version von 1924, deren reflektierende Oberfläche optisch ihre Materialität aufhebt. Er fertigt 27 Bronzeversionen der  Vogelskulptur.

Während der mythische Vogel Maiastra noch als solcher erkennbar ist, sind beim Vogel im Raum alle Referenzen an das Tier verschwunden. Dies überforderte im Jahr 1927 die Zollbeamten, als der Fotograf Edward Steichen einen Bronze-Vogel von Brancusi nach Amerika einführen wollte. Für die Männer entsprach der glatte Bronzekörper nicht den Zollkriterien, nach denen Kunstwerke handwerklich anspruchsvoll gestaltet sein mussten. Das Werk stellte für sie lediglich einen Materialklumpen dar, bei dem 40% Steuern anfielen. Brancusi gewann den im folgenden Jahr aufwendig geführten Prozess und erhielt eine Entschädigung.

Ein Blick in Brancusis Atelier verrät, wie selbstverständlich ihm der Dialog zwischen Sockel und Figur war. Das 1918 aufgenommene Atelierfoto zeigt eine aus rhomboiden Formen aufgebaute Säule aus Holz. Die Endlose Säule dürfe, so mutmaßen Kunsthistoriker, zunächst als Unterbau für eine Form gedacht gewesen sein. Wie dem auch sei: Die in mehrfachen Versionen ausgeführte Säule gehört zu den folgenreichsten Taten Brancusis. Mit der Wiederholung des Moduls verwischte er seine persönliche Handschrift, die Herstellung wurde reproduktiv. 1937/38 ließ Brancusi die >Endlose Säule< monumental ausführen. Die rumänische Regierung hatte ihn mit einem Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs im Park von Tirgu Jiu beauftragt und dem international renommierten Künstler dabei völlig freie Hand gelassen. Brancusi ließ neben der 293 m hohen Säule in einer Achse den Tisch der Stille und die Kusspforte errichten, die beide auf Themen aus seinem Werk Bezug nehmen: Der Tisch erinnert an den Sockel der Leda , das Tor ist die monumentale Version des Kusses .Merkwürdigerweise entspricht die Anlage der Achse, die in Paris vom Obelisken von Luxor und der Place de la Concorde über den Arc de Triomphe zum Parc du Caroussel verläuft.

Link: Brancusis Atelier Nachbau im Centre Pompidou

 

Henry Moore (1898-1986)

– Spannungbeziehungen  der Formen im Einzelwerk und zum Umraum –

Henry Moore war britischer Bildhauer und gehört zu den bedeutendsten Bildhauern des 20.Jahrhunderts. Sein Werk ist ganz wesentlich beeinflusst von altägyptischer, präkolumbianischer , afrikanischer und polynesischer Kunst und von einfachen Naturformen wie Knochen und Steinen und der Form des Schafes. Weitere Anregungen erhielt Moore von zeitgenössischen Künstlern wie Constantin Brancusi, Alexander Archipenko und vor allem Pablo Picasso, dessen Arbeiten er auf mehreren Parisreisen in den zwanziger Jahren kennen lernte., ferner die Begegnung mit den Werken Giottos, Masaccios und Michelangelos auf einer Italienreise 1925.

Er wurde in Castleford (bei Leeds) geboren und starb in Much Hadham (Hertfordshire). Seine Skulpturen und Plastiken folgen den Ideen der Abstraktion und sind Kunstwerke von beeindruckender Ausdruckskraft und Strenge. Sie sind von archaischen Skulpturen und der Kunst der Naturvölker beeinflusst. Zentrales Thema ist der Mensch als Einzelfigur, oft liegend oder auch als Gruppe gestaltet. Moore arbeitete in Stein und Holz, später vorwiegend in Bronze.

Auf eine Abbildfunktion der Plastik wird weitgehend oder sogar völlig verzichtet. Moore betont eine frei abstrahierte Form gegenüber dem Naturvorbild ( Knochen, Schaf, Frau, mexikanische Plastik). Aus einem einfachen Motiv ( z.B. liegende Frau ) gestaltet  er durch eine aufregende Zergliederung der Gesamtform  in verschiedenste miteinander verspannter asymmetrischer Einzelformen, ein wirkungsvolles neues Ganzes.

Zudem bringt Moore eine äußerst spannungsreiche Wechselbeziehung zwischen Skulptur und Umraum zustande. Er macht den Hohlraum den Körperformen gleichwertig. Oft bilden sich wie von Spangen umschlossene leere Raumzellen, in die der Umraum geradezu einzufließen scheint. Moore bemerkt dazu: »Was nicht ist, ist ebenso intensiv wie das, was ist.«Wesentlich ist dabei die Durchlöcherung der Skulptur, die damit durchblicke ermöglicht und so direkt  mit dem Raum verbindet. Das Durchfließen des Raumes mit der Skuptur ist parallel zu den all-over Flecht- und Netzstrukturen des Tachismus zu sehe. Ähnlich wie bein Dripping Pollocks wird durch die Durchlöcherung der Figur ihr Volumen teilweise aufgelöst und durch Umraum ersetzt. Moore`s  Meinung nach gehört die Skulptur in den freien Außenraum um mit ihm zu interagieren. Er bevorzugt die Asymmetrie, da diese gegenüber der symmetrischen Form über reichere Ansichten verfügt. Dem Material verschafft er Geltung, indem er dessen Eigenschaften sichtbar bewahrt.

Diesen Artikel drucken
Termine
Profil

Zertifizierungen

Kooperationen

SG06